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Etwas anderes Karibik-Feeling: Frische Kunst aus Kuba und von den Bahamas
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„Übersee“ in Halle 14 Etwas anderes Karibik-Feeling: Frische Kunst aus Kuba und von den Bahamas

„Übersee – Kuba und die Bahamas“ heißt eine Ausstellung, die bis 6. August in Halle 14 der Leipziger Spinnerei zu sehen ist. Gezeigt werden Arbeiten von 38 Künstlern. Erstmals wird hier die Gegenwartskunst zweier Inselstaaten zusammengebracht, die sich nach einer gemeinsamen Geschichte von Kolonialismus und Sklaverei sehr unterschiedlich entwickelt haben.

Marianela Orozco, Isla (Insel), 2006, Digitaldruck.

Quelle: Halle 14

Leipzig. Karibik-Feeling stellt man sich gemeinhin etwas anders vor. Schon der Empfang mit Fotos von Tamika Galanis verdeutlicht, dass es keine Werbeveranstaltung der Tourismusindustrie ist. Grant Town gehört zu den „abgehängten“ Orten auf den Bahamas, Armut bestimmt das Bild. Aber, so betont der Künstler, es gibt noch Gemeinschaftssinn.

Neben der an sich schon anspruchsvollen Aufgabe, einen Überblick über die hier kaum bekannte aktuelle Kunst zweier Inselstaaten zu geben, müssen auch noch die Unterschiede herausgearbeitet werden. Kuba und die Bahamas haben beide Jahrhunderte des Kolonialismus und der Sklaverei hinter sich, die heutige Situation ist aber nicht nur wegen der anderen Landessprachen differenziert.

Ein kleines bisschen tropisches Flair lässt sich finden, vor allem in der kräftigen Farbigkeit etlicher Bilder. Und im Video „Conga Irreversible“ des Kollektivs Los Carpinteros fühlt man sich sogar in den Karneval versetzt, auch wenn Tänzerinnen und Tänzer schwarz gekleidet sind und rückwärts durch die Straßen laufen.

Kubanische Wohnungseinrichtungen

Arbeiten, die „nur“ Kunst sein wollen, sind in der Ausstellung in der Minderheit. Und selbst da kann man in eine Falle geraten. Manuel Piños Computerarbeit scheint auf halluzinatorische Weise die Schönheit des Meeres zu feiern, doch der Serientitel „Shipwreck“ deutet auf eine andere Ebene hin. Adrián Fernández lichtet hübsche Ausschnitte kubanischer Wohnungseinrichtungen ab, die Interieurs kann man aber auch als soziologische Studien lesen. Selbst in Heino Schmidts Video, zwei leere Flaschen in fragiler Balance zeigend, lassen sich gesellschaftliche Interpretationen suchen. Manchmal werden versteckte Bedeutungen erst mit Hintergrundwissen erkennbar. Wenn man eine lange Kamerafahrt durch Mangrovendickicht in Juan Carlos Aloms „Journal“ sieht, erschließt sich nicht sofort, dass es ein Schauplatz des kubanischen Unabhängigkeitskrieges sein soll.

Viele der Werke gehen aber auf sehr direkte Weise mit einem offensichtlichen Generalthema der Bewohner beider Länder um – die Vergewisserung von Identitäten in den multiethnischen Gesellschaften und deren geschichtliche Bruchlinien. Das betrifft die spanisch sprechenden Kubaner, seit fast sechzig Jahren im „Sozialismus unter Palmen“ lebend, der mit dem Zusammenbruch des Ostblocks in eine schwere Krise geraten ist. Es betrifft aber auch mehr auf die frühere Kolonialmacht England und die USA orientierten Menschen der Bahamas.

Manche Arbeiten sind recht plakativ, so die totemartige schwarze Holzfigur von Antonius Roberts, erhängt an einem Galgenstrick, oder die aus abgenutzten Macheten, dem Hauptwerkzeug der Zuckerrohrernte, gebaute Krone von Jace McKinney, präsentiert wie eine echte Preziose.

Mal subtil, mal drastisch

Andere Künstler arbeiten mit subtileren wie auch drastischeren Mitteln.Giovanna Swaby lebt heute im kanadischen Vancouver. In ihrer Collagen-Serie „My Hands are Clean“ thematisiert sie den „positiven Rassismus“ vieler Mitmenschen, die unbedingt ihr üppiges Haar berühren wollen und darauf verweisen, dass sie sich die Hände gewaschen haben. Um Haar geht es auch bei Susana Pilar Delahante. Sie schneidet sich in ihrem Video „Re-territorialization“ als symbolische „Umsiedelung“ Strähnen vom Kopf und flicht sie ins Schamhaar, kehrt den Vorgang dann um. Und in Kareem Mortimers Film „The Naked Truth“ wird ein dunkelhäutige Frau weiß angemalt, während der Künstler Einwohner Nassaus interviewt.

Selbst da, wo beim oberflächlichen Hinsehen poppige Farbenfreude vorherrscht wie in den bunten Acrylgemälden des 73jährigen Dave Smith oder den comicartigen Zeichnungen Orestes Hernandez, werden harte Realitäten angesprochen. Nur wenigen Arbeiten sieht man klar an, dass sie nur aus Kuba kommen können. Dazu gehören die in Beton gegossenen Konturen des Inselchens, das 1972 der DDR symbolisch geschenkt wurde. Ebenso die aus Video und Installation bestehende Dokumentation einer gescheiterten Hoffnung von Felipe Dulzaides. Er porträtiert den Architekten Roberto Gottardi, der versucht hatte, ein modernes Kunstzentrum mit Theaterschule in Havanna zu errichten.

In der Mischung der Medien und Darstellungsarten von Grafik, Fotografie und Malerei über Plastik und Installation bis zu Installation und Video wie auch in der fast durchweg überzeugenden Qualität zeigt „Übersee“, dass die Kunst beider Länder ganz auf der Höhe der Zeit ist. Bei den Bahamas, fast in Sichtweite Miamis, mag das nur insofern überraschen, dass die Inselgruppe lediglich 350.000 Einwohner hat. Doch auch die Kunst des immer noch weitgehend abgeschotteten Kubas erweist sich als ganz aktuell.

Übersee: Kuba und die Bahamas. Gegenwartskunst aus der Karibik; Halle 14 (Spinnereistr. 7), bis 6. August, Di–So 11–18 Uhr

Von Jens Kassner

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