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Kreuzfahrt-Programm ohne Kurs und Kompass
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Kabarett-Premiere Kreuzfahrt-Programm ohne Kurs und Kompass

Rund acht Jahre nach ihrem letzten Duo-Programm haben Carolin Fischer und Anke Geißler eine neue gemeinsame Produktion: „Leinen los und eingeschifft“ spielt auf einem Kreuzfahrt-Kahn – Premiere war am Ostermontag. Allerdings kommt das Programm einer Kapitulation gleich.

Viel Verkleidung, viel Mimik, wenig Substanz: Carolin Fischer (l.) und Anke Geißler in „Leinen los und eingeschifft“.

Quelle: Foto: Dirk Knofe

Leipzig. Der Satz kommt gegen Mitte der zweiten Hälfte. „Wie lange noch?“ will Carolin Fischer als Lebensmüde wissen. Eine Frage, die schon eine Weile im Saal der Academixer hängt. Da hat „Leinen los und eingeschifft“ netto etwa 80 Minuten auf der Uhr. Die gefühlte Überlänge ist noch das geringste Problem der neuen Academixer-Produktion, die am Ostermontag zur Premiere kam.

Im Prinzip gleicht das Programm einer Kapitulation – es ist nur nicht klar, wovor. Vor der Reputation, die Kabarett mal an diesem bedeutenden Ort hatte und die nicht wiederholbar scheint? Vor der eigenen Ratlosigkeit? Vor den Zuschauern, von denen man notorisch annimmt, sie wollten nichts anderes als sich vor Lachen die Schenkel blau zu hauen?

Die Ansage im Vorfeld kam klar und ehrlich: In „Leinen los und eingeschifft“ steckt keine Politsatire, sondern Unterhaltung pur. Und Unterhaltung muss kein Makel sein, wenn sie durchdacht ist. Doch die inhaltliche Schlichtheit in dem Konstrukt rund um eine Schiffskreuzfahrt ist derart gravierend, dass Fragen bleiben, denn Ziel und Sinn liegen im dichten Nebel. Statt einer „MS Deutschland“ als Spielfläche innerdeutscher Risse zwischen erster und letzter Klasse, Ausbeutung und Reichtum bei schwerem Seegang auf dem Ozean der unterschiedlichen Wahrheiten schlingert die „MS Academixer“ ohne Kurs und Kompass. Offenbar hat niemand den Eisberg aus überwiegend schwachen Texten voller Plattitüden und Längen gesehen, was die im Haus ad acta gelegte Frage nach einem kritischen künstlerischen Leiter neu aufwirft.

Carolin Fischer und Anke Geißler käuen hornalte Witze wieder oder kalauern, bis das Tau reißt. Was essen Piraten am liebsten? Kapern. Ein Computervirus ist wurscht, denn „ich bin geimpft“. – „Wenn ich transpiriere, schwitz’ ich so doll.“ Und Sex-Tanten werde mit Sextanten verwechselt. Endgültig S. O. S. funkt das Niveau bei einer Reimzeile im Schlusslied: Ist „der Mann im Himmel“, sucht sich die Witwe „einen Neuen mit großem .... Haus“. Für Junggesellinnenausstände mit einer Menge Alkohol könnte sich das eignen. Für eine renommierte Bühne, in der einst verlässlich pfiffig-kluger Hintersinn praktiziert wurde, reißt solche Comedy auf niedrigstem Niveau ein gefährliches Leck ins Academixer-Schiff. Doch die Band spielt weiter. Und an Peter Jakubik, Christoph Schenker und Ekky Meister liegt es wahrlich nicht – für ihre exzellente, großartig arrangierte Musik ernten sie mehrfach Extra-Applaus.

Über die Bühne hingegen tobt ein szenisches „Bummsfallera“ aus Kostümwechseln und verbalem Gepolter. In den Texten (Geißler, Ralf Bärwolff – auch Regie – , Werner Koczwara, Julie Bukowski und Conny Molle) geht es um nichts bis wenig, wenn mehrheitlich debile Omas mit oder ohne Urnen ihrer verblichenen Männer krächzen wie kranke Möwen. Geißler tut das, was sie meistens tut. Mimische Verrenkungen, Pfeifgeräusche und tumbes Sächsisch verbrauchen sich jedoch, wenn sie ein austariertes Maß überschreiten.

Das Publikum lacht, wo es kann. Teils aus Amüsement; teils, weil es Eintritt bezahlt hat; teils aus Pawlowschem Reflex: Die müssen doch lustig sein, sind doch die Fischer und die Geißler. Manche Gäste reagieren gar nicht.

Den einzigen kabarettistischen Ansatz zeigt „Leinen los und eingeschifft“ in der schwarzhumorigen Nummer über Delfine im Meer aus Plastikmüll. Übelster Ausrutscher: Nach der kruden Logik einer (natürlich alten) Passagierin soll man das Bordbüffet plündern, damit das Schiff genug Masse fürs Gleichgewicht bekommt. Deshalb kentern ja auch Boote mit unterernährten Flüchtlingen schneller. „Man muss sich eben auch mal zwingen, was zu essen“, lautet der gute Rat. Das ist nicht lustig, sondern geschmacklos. Es mag widersinnig scheinen, das Fazit – doch auch im Flachwasser kann ein Schiff kentern.

Nächste Vorstellung am 17. Mai, 20 Uhr, Kartentelefon 0341 21787878.

Von Mark Daniel

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