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Zerstörung, Liebe, Hoffnung – Punk im Osten
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Buchvorstellung Zerstörung, Liebe, Hoffnung – Punk im Osten

In „Stirb nicht im Warteraum der Zukunft“ erzählt Tim Mohr von ostdeutschen Punks – am 24. April stellt er das Buch in Leipzig vor. Die Veranstaltung ist Teil der Reihe „Warschauer Punk Pakt“ in der naTo.

Chaos, Sänger der Leipziger Band Wutanfall in den 80ern.

Quelle: Christiane Eisler

Leipzig. Es gibt sie noch. Jeden Winter treten Die Art in der Leipziger Moritzbastei auf, jeden Winter spielen sie dann auch die guten alten Lieder, die für den Herbst so wichtig waren, den Herbst 1989. „Wide Wide World“ war so ein Hit, mit dem Album „Dry“ illegal auf unzähligen privat kopierten Kassetten im Umlauf. Aber: „Dank ihrer Spielerlaubnis konnten Die Art mit dem Stück auf offiziellen Veranstaltungen wie dem Pfingstreffen der FDJ auftreten, wo sie es auf einer großen Open-Air-Bühne vor 15 000 Zuschauern spielten.“

So erzählt es Tim Mohr in seinem Buch „Stirb nicht im Warteraum der Zukunft. Die ostdeutschen Punks und der Fall der Mauer“, das er am Montag in der Nato vorstellt. Einige der Fotos im Buch und auch das auf dem Cover stammen von Fotografin Christiane Eisler, die die Szene mit der Kamera begleitet hat.

Tim Mohr war nicht dabei. Der amerikanischer Autor, Journalist und Übersetzer hat in den 90er Jahren als Club-DJ in Berlin gearbeitet, hat als Übersetzer Wolfgang Herrndorfs „Tschick“, Charlotte Roches „Feuchtgebiete“, Romane von Alina Bronsky und Dorothea Dieckmanns „Guantanamo“ aus dem Deutschen übersetzt. Er hat, wie beim Lesen schnell klar wird, genau den richtigen Blick auf jene Zeit, auf Menschen und Umstände. Wohl auch, weil er nicht alles zu wissen glaubt. Das erspart seinem Buch jene Floskeln, Ressentiments und Abziehbilder, mit denen sich ansonsten historisch wie kulturell Außenstehende mit angemaßten Urteilen der Kultur des Ostens nähern – sowohl ihrer Vergangenheit als auch ihrer Gegenwart, wie sie aus dem Gewesenen gewachsen ist.

Zu viel Zukunft

Das Buch beginnt in den späten 70er Jahren, als die ersten Punks in Berlin, Leipzig oder Dresden sich manchmal noch als Einzige ihrer Art in ihrer Stadt wähnten. Sie hatten Musik der Sex Pistols entdeckt, Fotos in der „Bravo“ gefunden und sich plötzlich verstanden, wenn nicht sogar gemeint gefühlt mit ihrer Unsicherheit, ihrer Wut, ihrem Freiheitsdrang. „Aus dem unpolitischen Nihilismus der Ost-Punks entwickelte sich bald eine Hardcore-Ideologie, die das besondere Umfeld der Jugendlichen widerspiegelte“, schreibt Tim Mohr. Doch während die Punks im Westen davon sangen, als Underdogs in der kapitalistischen Gesellschaft „No Future“ zu haben, schien über die Zukunft im Osten bereits entschieden zu sein, hieß das Problem „Too Much Future“. Ein gewaltiger Unterschied.

Mohr erzählt von Major aus Berlin, die eigentlich Britta hieß, die sich die Haare abschnitt und die Klamotten zerriss und „Destroy“ draufschrieb und sich aus Sicherheitsnadeln Punk-Epauletten baute. Darum der Name Major. „Als Punk gewann sie auf zwei Ebenen Macht über das eigene Leben. Zum einen verlieh die Musik ihrer Wut eine Stimme und gab ihr die Kraft, in dem verhassten System zu überleben. Zum anderen konnte sie allein durch ihr Äußeres bei jedem Schritt vor die Tür ihre oppositionelle Einstellung demonstrieren.“ Ein wiederkehrendes Motiv. Am 27. August 1978 legte die Stasi eine Akte über Major an. Fast alle Protagonisten des Buches werden überwacht, eingeschüchtert, werden immer wieder verhaftet, verhört, zu Haftstrafen verurteilt.

So wie Jana, Sängerin der Band Namenlos, die nach stundenlangen Vernehmungen in eine Zelle gebracht wurde. Die Schnürsenkel hatte man ihr abgenommen, und vor der Zelle lief die ganze Nacht in Endlosschleife „Punker Maria“, Didi Hallervordens Parodie auf Roland Kaisers „Santa Maria“, mit der sich der Komiker über Punks lustig machte. Da möchte man sich nachträglich spontan einen Soli-Iro schneiden.

Mit den Repressionen durch Polizei und Stasi wächst auch die Punk-Bewegung. Immer mehr Bands werden gegründet. Irgendwann ebneten Feeling B den Weg für eine neue Generation von Bands, der Name Die Anderen wurde dafür zum Synonym. Musiker, die außerhalb des System agiert hatten, gingen zur „Einstufung“, um eine Spielerlaubnis zu erhalten und öffentlich auftreten zu können. Aus der Leipziger Band Die Zucht wurde Die Art, aus der Dresdner Paranoia wurde Kaltfront. Sie treten heute hin und wieder im Leipziger „Stoned“ auf. Als die Einstufungskommission 1989 den Namen Herbst in Peking verweigerte, sprach Sänger Rex beim Kulturattaché der chinesischen Botschaft vor. Und es ging. So vieles ging plötzlich und dann auch die DDR, deren Ende längst eingeläutet war. Den Soundtrack dazu lieferten die Punks.

Mit Empathie und Distanz macht Tim Krohn Biographien plastisch, Beweggründe nachvollziehbar, erzählt von den ersten Treffen im Berliner Plänterwald, von Geheimkonzerten in Wohnungen, Auftritten in Kirchen und bei Festivals. Er zeichnet ein buntes Bild von Zerstörung, Liebe, Hoffnung.

Die Reihe „Warschauer Punk Pakt“ beleuchtet mit Ausstellung, Diskussionen, Filmen und Konzerten die Verhältnisse von Punk zu Diktatur sowie zur Kunst in der DDR und vergleichen erstmals mit denen in Ungarn, Polen und der CSSR.

Zum Auftakt präsentieren am 24. April Tim Mohr und Brezel Göring Mohrs Buch „Stirb nicht im Warteraum der Zukunft“ über die Ostdeutschen Punks und den Fall der Mauer (20 Uhr, Nato, Karl-Liebknecht-Str. 46).

Vom 28. April bis 20. Mai sind in der Galerie Kub Fotografien von Christiane Eisler, Videos und Poster-Artworks zu sehen – die Eröffnung beginnt 19 Uhr, mit dabei sind Tim Mohr, Brezel Göring, Flake (Feeling B/Rammstein) und Henryk Gericke (Kantstr. 18). Das Finissage-Festival mit Moskwa (PL), Namenlos (D), Kretens (HU), Davová Psychóza (SK) und Küchenspione (D) findet am 20. Mai im UT Connewitz statt (20 Uhr, Wolfgang-Heinze-Str. 12a). www.nato-leipzig.de

Tim Mohr: Stirb nicht im Warteraum der Zukunft. Die ostdeutschen Punks und der Fall der Mauer. Aus dem Amerikanischen von Harriet Fricke und Frank Dabrock. Heyne Hardcore; 560 Seiten; 19,99 Euro

Quelle: Verlag

Von Janina Fleischer

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