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Stimmerkennung defekt – Leipziger Forscher finden Ursache für Phonagnosie
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Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften Stimmerkennung defekt – Leipziger Forscher finden Ursache für Phonagnosie

Experten des Leipziger Max-Planck-Institutes für Kognitions- und Neurowissenschaften haben eine Ursache der Phonagnosie entdeckt, bei der Menschen Freunde und Familienmitglieder nicht an der Stimme erkennen.

Hirnforschung am Leipziger Planck-Institut. Eine aktuelle Studie befasst sich mit gestörter Spracherkennung.
 

Quelle: picture alliance / dpa

Leipzig. Erst seit rund drei Jahrzehnten ist das Phänomen der Phonagnosie überhaupt bekannt, bei der bestimmte Menschen ihre Freunde und selbst Familienmitglieder nicht an der Stimme erkennen können. Etwa bei Telefonanrufen von Bekannten bleibt den Betroffenen verschlossen, wer da am anderen Ende der Leitung ist. Nur wenn sie ihren Namen nennen oder sich anderweitig auf ihre Identität schließen lässt, macht es bei den Phonagnostikern klick. Wissenschaftler des Leipziger Max-Planck-Institutes für Kognitions- und Neurowissenschaften versuchen seit 2011 dieser Stimmblindheit auf den Grund zu gehen. Damals schalteten sie einen Online-Test frei, mit dem jene, die bei sich dieses Handycap vermuten, selbst begutachten konnten. Über Tausend Probanden machten seitdem davon Gebrauch. Und einem Team um Professorin Katharina von Kriegstein, die am Institut die Forschungsgruppe zur Erkundung neuronaler Mechanismen zwischenmenschlicher Kommunikation leitet, ist nun auf dieser Basis ein großer Erkenntnisfortschritt gelungen.

Aus den vielen Testpersonen filterten die Experten durch verfeinerte Messverfahren eine Frau und einen Mann heraus, die tatsächlich an einer angeborenen Phonagnosie leiden und gewannen sie für eingehende Untersuchungen. Im Fachmagazin Neuroimage ist die entsprechende Studie jüngst erschienen. Als Erstautorin fungiert Doktorandin Claudia Roswandowitz: „Wir haben entdeckt, dass die Hauptursache ein Fehler in den stimmselektiven Hirnbereichen und deren Verbindungen im Temporallappen ist. Also Areale betroffen sind, die auf die Stimmidentität spezialisiert sind.“

Bei der Analyse von Hirnfunktionen bestätigte sich auch die Vermutung, dass es zwei Phonagnosie-Typen gibt. Den einen repräsentiert die von den Forschern gefundene Frau. Ihre Wahrnehmung ist dahingehend gestört, dass sie nur ganz selten eine Stimme einem Gesicht oder Namen zuordnen kann. Wenn es gilt, zwei ihr unbekannte Stimmen zu unterscheiden, scheitert sie völlig. Anders der untersuchte Mann: Er kann zwar prinzipiell gehörte Stimmen differenzieren, sie aber nicht mit persönlichen Informationen verknüpfen. Wahrnehmungs- und Assoziationsvermögen seien also relevant für die Stimmererkennung, erklärte Roswandowitz. „Wir gehen davon aus, dass es zwischen zwei und drei Prozent der Bevölkerung schwerfällt, Personen anhand ihrer Stimme zu identifizieren“, meinte Krieg-stein. Eine „pure Phonagnosie“ habe aber Seltenheitswert. In Deutschland sind die beiden von den Leipziger Forschern vorgelegten Befunde bisher die einzigen.

Von Mario Beck

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