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Schauspieler Steffen Schroeder besucht seit vier Jahren einen Mörder im Gefängnis
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Ehrenamtlicher Vollzugshelfer Schauspieler Steffen Schroeder besucht seit vier Jahren einen Mörder im Gefängnis

Als Soko-Leipzig-Kommissar interessiert sich Schauspieler Steffen Schroeder auch für die Verbrechen, die im wahren Leben passieren – und er fragt sich, was in einem Täter vorgeht. Über seine ehrenamtliche Arbeit als Vollzugshelfer hat der 42-Jährige ein Buch geschrieben.

Als Schauspieler ist Steffen Schroeder seit mehr als 20 Jahren im Krimi-Milieu zu Hause.

Leipzig .  Der Umgang mit Mördern ist für Schauspieler Steffen Schroeder nichts Aufregendes. Er lebt in gewisser Weise vom Verbrechen – denn er dreht seit mehr als 20 Jahren Krimis, zuletzt vor allem für die ZDF-Reihe Soko Leipzig. Tatsächlich sind die Gewalttäter aber nur Schauspieler, ihre Verbrechen reine Fiktion.

Was in einem echten Täter vor sich geht und wie es im Gefängnis zugeht, das kann der 42-Jährige mittlerweile ein bisschen besser nachvollziehen. Seit vier Jahren arbeitet er als ehrenamtlicher Vollzugshelfer in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Berlin-Tegel. Dort besucht er alle zwei bis drei Wochen den ungefähr gleich alten Micha, der seit 17 Jahren mit „Lebenslänglich“ im Gefängnis sitzt: Er hat einen brutalen Mord im Skinhead-Milieu und andere Gewaltdelikte verübt, galt als sehr gefährlich. „Am Anfang war ich sehr aufgeregt und nervös“, erzählt der TV-Kommissar. Micha – so schildert er es – sieht martialisch aus, hat viele Tattoos auf der Haut. Auf seinen Fingern stand anfangs noch das Wort „Hass“, inzwischen hat er es sich entfernen lassen. „Aber er war irrsinnig dankbar, dass jemand kommt und ihm seine Zeit schenkt. Er hat niemanden mehr. Sein Vater, seine Mutter und auch sein Bruder sind während der Haftzeit gestorben“, berichtet der in Potsdam lebende Schauspieler. „Und wir hatten beide von Anfang an das Gefühl, dass es passt.

Dass der verurteilte Mörder sich von seinen Taten abgewendet hat, war für den Fernseh-Promi Voraussetzung für seinen Einsatz. In den vier Jahren haben die beiden Männer viel geredet, Schnittmengen gefunden. Dinge sind passiert, die sie einander näher gebracht haben – mehr als zu erwarten war. „Wir haben beide mal in Potsdam in der gleichen Straße gewohnt, wenn auch zu verschiedenen Zeiten. Er hat einen Sohn, der so alt ist wie mein Ältester“, nennt Steffen Schroeder einfache Beispiele. Als Michas Kumpel Rico – ein Bankräuber – starb, hat Steffen die Bestattung organisiert und das Geld vorgestreckt. Micha schaut sich ganz gern die Soko Leipzig an, manchmal gibt es dann Kritik von ihm, weil einige Dinge unrealistisch dargestellt sind. Er selbst malt ganz gut und beeindruckt den Künstler zum Beispiel mit Zeichnungen von seiner Zelle.

Viermal im Jahr darf der Verurteilte das Gefängnis für einen Nachmittag verlassen, in Begleitung von zwei zivilen Beamten und von seinem Vollzugshelfer. „Das ist spannend, aber es hat auch was Komisches“, schmunzelt Schroeder. Er war an Michas Seite, als der zum ersten Mal einen Euro in der Hand hielt. Als er mit der Bestellung eines Hamburgers überfordert war, weil die Bedienung zackzackzack alles ganz schnell abfragte. Als er mit dem Fahrkartenautomaten nicht klar kam, weil er keinen Touchscreen kannte. Als er beim Einkaufen von den vielen Menschen und Eindrücken regelrecht erschlagen war.

Zweimal hat Micha schon ein Gesuch auf Haftentlassung gestellt, zweimal wurde es abgelehnt. Sich um einen Mörder zu kümmern, sieht der Schauspieler auch als eine Art von Opferarbeit an, denn irgendwann wird Micha frei sein. Ob es eine sinnvolle und sichere Lösung ist, Menschen miteinander wegzusperren, die in der Gesellschaft nicht „funktionieren“ – in der Hoffnung, dass es nach der Haft funktioniert – da hat der Vater dreier Söhne Zweifel. „Natürlich muss die Gesellschaft vor Schwerverbrechern geschützt werden, aber in allen leichteren Fällen ist das ein überholtes Konzept. Man sollte bei Tätern, die nicht gefährlich sind, anders rangehen und viel mehr mit Sozialstunden, Geldstrafen oder Führerscheinentzug arbeiten, denn in der Haft lernt man erst die wirklich schlimmen Dinge.“

Auch er selbst habe in seiner Jugend viel Wut im Bauch gehabt, sei oft angeeckt und hatte viele Probleme. „Dass die Dinge bei mir so viel anders gelaufen sind, lag unter anderem an meiner liebevollen Familie“, glaubt Steffen Schroeder. Warum ein Mensch zum Verbrecher wird und ein anderer nicht, darüber denkt er in seinem Buch „Was alles in einem Menschen sein kann – Begegnung mit einem Mörder“ nach. Sein väterlicher Freund, Schauspieler Michael Degen, hat ihn immer wieder bestärkt und angespornt, das Buch zu schreiben. Der andere Micha – der aus dem Gefängnis – hat ihm die Freiheit gelassen, alles aufzuschreiben. Natürlich kennt er inzwischen das gesamte Buch.

Buchpremiere auf der Leipziger Buchmesse: Am Freitag, 24. März, kommt Steffen Schroeder um 12 Uhr in die LVZ-Autorenarena (Halle 5).

Von Kerstin Decker

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