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Im Team mit der Maschine
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Gastbeitrag von Christian P. Illek Im Team mit der Maschine

Soll ein der Zukunft zugewandtes Unternehmen den Robotern die Tür öffnen? Muss es das sogar? Der Personalvorstand der Deutschen Telekom, zuständig für mehr als 218 000 Mitarbeiter weltweit, hat sich darüber Gedanken gemacht.

Wir können darüber diskutieren, wann und wie Roboter Teil unserer Arbeitswelt werden, aber nicht über das Ob, ist Christian P. Illek überzeugt.

Quelle: Zenzen

Hannover. Aus dem Nichts gestalten Menschen Neues. Kreativität, Fantasie und das Vorhandensein von Bewusstsein sind Merkmale des menschlichen Gehirns, über die Maschinen nicht verfügen. Dennoch: Der Einsatz von neuronalen Netzwerken in Maschinen zeigt die rasante Geschwindigkeit bei der Entwicklung von künstlicher Intelligenz (KI).

Die Erforschung und Entwicklung von KI ist eine beeindruckende menschliche Kulturleistung. Intelligente Computer werden in den kommenden Jahren unser Leben besser machen: Sie diagnostizieren Krankheiten, sie empfehlen Therapien, sie schützen die Umwelt, sie unterstützen die Bildung, und sie verändern unsere Arbeit. Schon heute gibt es mehr als zehn Millionen Roboter auf diesem Planeten. Im Jahr 2020, so die Prognosen, werden es Milliarden sein. Dann werden wir mehr intelligente Roboter auf der Erde haben als Menschen.

Wie aber sieht zukünftig die Arbeit aus, wenn Rechner auf immer mehr Feldern mit den Menschen konkurrieren können oder ihnen sogar überlegen sind? Eine Entwicklung, die vielen Beschäftigten Sorgen macht. Genährt werden solche Zukunftsängste durch Studien mit düsteren Jobprognosen wie die der Wissenschaftler Carl Frey und Michael Osborne. Die Forscher von der Universität Oxford haben in einer medienwirksamen Studie ausgerechnet, dass 47 Prozent aller Jobs in den USA in den kommenden zehn bis zwanzig Jahren von intelligenten Robotern oder Software ersetzt werden könnten.

Kluge Maschinen als Kooperationspartner

Doch diese Ergebnisse sind in der Wissenschaft umstritten: Nur weil einzelne Tätigkeiten automatisiert werden, bedeute das nicht, dass dadurch ganze Berufe wegfallen, argumentieren Forscher des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW). Natürlich wurden Kutscher arbeitslos, weil sich der Transport mit Pferdewagen durch die Einführung von Eisenbahnen und Kraftfahrzeugen nicht mehr lohnte. Dafür entstanden im Verkehrssektor neue Berufe wie Lokomotivführer und Chauffeur. Der technische Fortschritt hat seit der Erfindung der Dampfmaschine in der Summe mehr Arbeitsplätze geschaffen als zerstört.

Menschen werden durch Maschinen wohl in kaum einer Industrie vollständig ersetzt werden. Viel wahrscheinlicher ist, dass es ein Nebeneinander geben wird. Viele dieser klugen Maschinen werden wir an den Werkbänken in unseren Produktionsstätten und an den Schreibtischen in unseren Büros wiederfinden – als Kooperationspartner und Kollegen. Sie nehmen uns nicht nur Tätigkeiten ab, die entweder körperlich anstrengend oder stupide sind, sondern werden als soziale Akteure Teil der Teams. Mensch-Maschine-Interaktion oder gar Mensch-Maschine-Symbiose, so wie in der Medizintechnik schon erkennbar, wird durch rapide Fortschritte bei der Entwicklung von künstlicher Intelligenz zum festen Bestandteil unseres Arbeitsalltags. Unternehmen, die diese Herausforderungen frühzeitig erkennen und meistern, werden sich mit neuen Geschäftsmodellen in den Märkten der Zukunft behaupten.

Ein Algorithmus als Direktoriumsmitglied

Damit stehen wir auch vor einem weiteren Wandel in der Unternehmenskultur: Teamarbeit von Mensch und Maschine wird immer mehr Teil des betrieblichen Wertschöpfungsprozesses. Betriebe müssen sich also auf die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine vorbereiten. Ich spreche deshalb in der Analogie zum Schlagwort Arbeit 4.0 hier von Diversity 5.0, einer weiteren Dimension der Vielfalt, und Collaboration 5.0, einer neuen Form der Zusammenarbeit.

Neben Geschlecht, Alter, kultureller Herkunft und Nationalität werden wir es künftig noch mit der Dimension Maschine zu tun bekommen. Erste Teams mit humanoiden Robotern sind in Japan bereits im Einsatz. Der Lebensmittelkonzern Nestlé setzt dort Teams aus Robotern und Menschen als Kaffeemaschinenverkäufer ein. Die Roboter sprechen Kunden an und geben Produktinfos. Die menschlichen Kollegen erklären Funktionsweisen und kümmern sich um ausgefallene Fragen und Wünsche.

Intelligente Maschinen machen auch vor Führungsetagen nicht halt. Das Investmentunternehmen Deep Knowledge Ventures in Hongkong hat bereits 2014 einen Algorithmus zum sechsten Mitglied seines Direktoriums ernannt. Wer weiß, vielleicht haben wir in zwanzig Jahren auch den ersten Roboter im Vorstand eines Dax-Unternehmens?

Wir können nicht über das Ob diskutieren

Bevor es so weit ist, müssen allerdings noch einige Hürden in der Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine aus dem Weg geräumt werden. Experimente des MIT in Boston haben gezeigt: Menschen trauen eher ihrem Bauchgefühl als Algorithmen, man spricht von “Algorithm Avoidance“. Autofahrer kennen das: Wer hat nicht schon einmal seinem Navigationssystem widersprochen, weil er glaubt, dass er den besseren Weg kennt? Und es gibt noch ein spannendes Phänomen in der Psychologie: Die sogenannten Bestätigungsfehler. Aus menschlicher Sicht wiegen Fehler einer Maschine schwerer als Fehler eines Menschen. Nach dem Motto: Ich wusste doch, dass ich der Maschine nicht trauen kann.

Die Akzeptanz von Robotern hängt stark davon ab, ob sie uns ähneln, haben Wissenschaftler festgestellt. Übertragen auf Maschinen bedeutet das: Wenn die klugen Apparate mit Stimme, Körper, Namen ausgestattet sind, arbeiten Menschen bereitwilliger mit ihnen zusammen. Aber Achtung: Die Forschung zeigt auch, dass der ideale “Maschinenmensch“ zwar menschliche Eigenschaften hat, doch als Roboter erkennbar bleibt. Dann klappt es mit der Zusammenarbeit.

Intelligente Systeme können die Art und Weise verändern, wie Unternehmen denken, handeln und arbeiten werden. Menschen müssen lernen, mit klugen Robotern zusammenzuarbeiten. Wir können darüber diskutieren, wann und in welchem Umfang sie Teil unserer Arbeitswelt werden, aber nicht über das Ob. Der Roboter wird unser Kollege. Diese Entwicklung können wir in unserem Sinne gestalten. Denn eins ist klar: Der Roboter arbeitet für uns, nicht wir für die Maschine.

Zur Person: Christian P. Illek ist Personalvorstand der Deutschen Telekom.

Von Christian P. Illek

Hannover 52.3758916 9.7320104
Hannover
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