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Gut für mich, schlecht für die Welt
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Die dunkle Seite des Superfood-Hypes Gut für mich, schlecht für die Welt

Avocado, Chia, Quinoa: In der Welt der Verwöhnten und Bewussten boomt das Geschäft mit Lebensmitteln, denen wundersame Kräfte zugeschrieben werden. Das birgt große Chancen für die Herkunftsländer in Südamerika und Afrika – und noch viel größere Risiken. Denn der Hype um Superfoods ist ökologisch mehr als fragwürdig.

Mangos vom Fließband in Brasilien: Viele der im reichen Westen so beliebten Superfoods führen in den Anbauländern zu Umweltzerstörung und Hunger.

Quelle: imago stock&people

Berlin. Der liebe Gott muss besonders gute Laune gehabt haben, als er sich der Gebirgszüge von Michoacan annahm. Ein großer Teil des kleinen Bundesstaats im Südwesten Mexikos liegt zwischen 1500 und 2000 Meter über dem Meeresspiegel – perfekt für tiefgrüne Pinienwälder, die seit Jahrtausenden die Menschen mit ihrer Vielzahl von Tieren und Pflanzen faszinieren. Schon der Reporter Egon Erwin Kisch schrieb über diesen Flecken Erde. Reiseführer schwärmen von den Flüssen und den Bäumen.

Im Winter bietet sich Besuchern der Region ein fantastisches Schauspiel. Denn jedes Jahr fliegen Millionen Monarchfalter aus Nordamerika in die Berge von Michoacan. Trauben von Schmetterlingen, bis zu eine Milliarde, überziehen die abgelegenen Wälder mit einem orangefarbenen Kleid. Doch jetzt ist nicht mehr sicher, dass die Schmetterlinge hier noch lange ein Winterquartier finden. Denn der Pinienwald von Michoacan stirbt.

Zwischen 1500 und 4000 Hektar, berichtet Mexikos größte Umweltschutzorganisation Gira, werden Jahr für Jahr gerodet. Die Bäume müssen riesigen Plantagen weichen, denn das Klima in Michaocan ist perfekt für eine Modefrucht: die Avocado.

Waldrodung für das “grüne Gold“

Das Geschäft mit der Avocado boomt. Mehr als fünf Millionen Tonnen sind in den vergangenen drei Jahren weltweit geerntet worden – jedes Jahr. Denn die Frucht ist Teil des Trends zum Superfood, zu Lebensmitteln, die angeblich von ganz allein gesund und glücklich machen. Und die deshalb in den Konsumgesellschaften der USA und Europa heiß begehrt sind.

Viele sehen in Superfoods die zeitgemäße Alternative zur herkömmlichen Ernährung. BUND, Peta, Vegetarierbund – sie alle empfehlen das eine oder andere Produkt. Kein Wunder also, dass sich Quinoa, Chia-Samen oder Avocados längst in den Regalen von Deutschlands Einzelhändlern breitgemacht haben, im Reformhaus genauso wie beim Discounter.

Einkommen für Generation? Juan Calderon begutachtet mit seinem Enkel Carlos die Avocadobäume seiner Farm im mexikanischen Michoacan.

Quelle: imago

Es ist eine Entwicklung, die auch Michoacan verändert. Kein Staat der Welt hat einen größeren Anteil am weltweiten Avocado-Export als Mexiko, und ­90 Prozent aller mexikanischen Avocados werden in Michoacan angebaut. Und es soll noch mehr werden. Viele Menschen in der Region wollen am Geschäft mit dem Glück teilhaben. Und greifen dabei teils zu fragwürdigen Methoden. So nahm die Polizei etwa im Juli vergangenen Jahres 13 Menschen fest, die aus einem illegal abgeholzten Stück Land eine Avocadoplantage machen wollten.

260 Pinienbäume hatten sie geschlagen, um Platz für 1320 Avocadosetzlinge zu schaffen. Reiche Beute lockte, wenn auch frühestens in sieben Jahren: Hätte jeder Baum auch nur nur 100 Früchte pro Jahr produziert, eine eher geringe Zahl, so hätte am Ende ein Gewinn von rund 500 000 Dollar im Jahr stehen können. Dafür hätte sich das lange Warten auf die erste Ernte gelohnt. Schließlich liegt das durchschnittliche Jahreseinkommen in Mexiko unter 10 000 Dollar, und bei Bauern noch deutlich darunter. Kein Wunder, dass landesweit jährlich bis zu 4000 Hektar Wald gerodet werden, um Platz für die Frucht zu machen – und dass die Avocado hier auch “das grüne Gold“ genannt wird.

Darüber vergessen die Menschen gern die Schattenseiten der Produktion. Und von denen gibt es aus ökologischer Sicht mehr als genug. Rund 1000 Liter Wasser fließen in die Aufzucht von gerade mal einem Kilogramm Avocados, also etwa zweieinhalb Früchten. Eine Plantage verbraucht doppelt so viel Wasser wie ein dichter Pinienwald. Das heißt: Je mehr der Früchte angebaut werden, desto weniger Wasser erreicht die Flüsse Michoacans – was schon jetzt mancherorts desaströse Auswirkungen auf das Ökosystem hat. “Der hohe Wasserbedarf und der verstärkte Einsatz von Pflanzenschutzmitteln könnten negative Folgen für die Bevölkerung haben“, warnt die Umweltschutzorganisation Greenpeace. Macht die Avocado, weltweit als gesundheitsförderndes Superfood für Wohlhabende geschätzt, ihre Produzenten krank?

Die Schattenseiten der Wundernahrungsmittelindustrie

Einige Tausend Kilometer weiter südlich sind die Schattenseiten der Wundernahrungsmittelindustrie ebenfalls bereits zu spüren. Kaum ein Nahrungsmittel ist so eng mit den Anden Boliviens verbunden wie Quinoa. Seit mehr als 6000 Jahren wird die spinatähnliche Pflanze hier angebaut. Die Inkas setzten auf Quinoa, um ihre Soldaten zu ernähren. Auch heute gehört “das Gold der Inka“ zu den festen Bausteinen der Ernährung in den Anden. Eigentlich.

Denn seit die mineralreiche Quinoa auch in den westlichen Ländern angekommen ist, ist der Preis für das Korn gewaltig gestiegen. Von 2009 bis 2013 verzehnfachte er sich – eine gute Nachricht für die Quinoa-Bauern. Allerdings bedeuten die steigenden Preise auch, dass der große Rest der Bevölkerung sich das traditionelle Nahrungsmittel nicht mehr leisten kann. Der Boom bringt auch hier Nebenwirkungen mit sich, die den auf “richtige“ Ernährung bedachten Europäern kaum bewusst sind.

Produzieren für die Mägen der Reichen: Quinoa-Bäuerin in Bolivien.

Quelle: imago

So sind die Anbauflächen im Hochland Bolivien heute weitestgehend ausgenutzt. Das sorgt für Verteilungskämpfe. Viele, die längst die ländlichen Regionen Richtung Stadt verlassen haben, kehren in ihre Heimatdörfer zurück und wollen plötzlich auch wieder Land bewirtschaften, berichtet ein 27-jähriger Quinoa-Produzent aus Challapata: “Wir wollen keinen Streit, aber das ärgert diejenigen von uns, die hier geblieben sind – und es hat Konflikte gegeben.“

Nicht nur deshalb hat sich die Produktion mittlerweile auch in die Ebenen des Landes verlagert. Doch dort finden die Bauern deutlich schlechtere Anbaubedingungen vor. Der Boden enthält weniger Lehm und Nährstoffe, bräuchte damit eigentlich auch mehr Zeit, um sich zwischen zwei Fruchtzyklen zu erholen. Doch dafür lässt die Nachfrage kaum mehr Zeit.

Das Ergebnis: “In einigen Gebieten sind Brachezeiten von sechs bis acht Jahren durch eine fast durchgängige Produktion ersetzt worden“, heißt es in einer Studie der ­responsAbility Investments AG aus Zürich. Auch setzten die Bauern beim Anbau zunehmend auf schwere Maschinen, die jedoch für den “fragilen, sandigen und vulkanischen Boden in der Region“ ungeeignet seien. Die Regierung habe diese Entwicklung noch verschärft, indem sie die Industrialisierung zu einem Schwerpunkt ihres nationalen Quinoa-Entwicklungsplans gemacht habe. Das heißt: Der Quinoa-Hype macht Boliviens Böden kaputt. Erosion, nachlassende Fruchtbarkeit und nachlassende Erträge sind langfristig die Folge.

Viele Superfoods sind pestizidbelastet

Auch Chia-Samen, ein weiteres Nahrungsmittel, dem manche Nutzer geradezu wundersame Wirkung zuschreiben, kommt nicht ohne umstrittene Anbautechniken aus. Wie Quinoa wächst die Pflanze vor allem in Mittel- und Südamerika. Auch hier weisen die Marketingabteilungen der Vertreiber darauf hin, dass die Samen in ihrer Herkunftsregion seit Jahrhunderten verspeist werden. Heute kauft man das Grundnahrungsmittel der Azteken im Reformhaus. Und zahlt, aufs Ganze gesehen, einen hohen Preis dafür.

So kritisiert etwa der Lebensmittelchemiker Udo Pollmer, bei der Produktion in Mexiko oder Guatemala würden umstrittene Herbizide eingesetzt, um den Boden vor der Aussaat vom Unkraut zu befreien und die Reifung des Chias zu beschleunigen. Teilweise würden dazu Mittel eingesetzt, die in der EU verboten seien.

Das ist nicht nur bei Chia-Samen der Fall. Das Magazin “Öko Test“ testete im vergangenen Jahr 22 Superfood-Produkte. Die Redaktion ließ sie in Speziallabors untersuchen, um ihre Belastung mit Schadstoffen festzustellen. Das Ergebnis: “Gar nicht super. Mineralöl, Blei und Cadmium, dazu überhöhte Funde von Pestiziden – so super, wie man es gern hätte, ist Superfood keineswegs“, heißt es im Testbericht. Zwei Drittel der Produkte bekamen die Noten “ungenügend“ oder “mangelhaft“.

Gar nicht super:

Quelle: iStockphoto

Doch trotz des Pestizideinsatzes erreicht etwa der Chia-Samen-Anbau laut Lebensmittelchemiker Pollmer kaum die Erträge, die andere Nutzpflanzen liefern könnten. “Damit blockiert der Chia-Anbau Ackerfläche, die mit bewährten Kulturen mehr Menschen sättigen könnte“, so Pollmer.

Ganz am Ende der Kette bleibt schließlich noch diese Frage: Mango, Avocado, Chia-Samen und Quinoa legen Tausende Kilometer zurück, ehe sie auf europäischen Tellern landen – mit entsprechendem CO 2-Footprint. Die “Zeit“ hat jüngst den Weg einer Avocado aus Afrika von Station zu Station verfolgt: Vier Wochen auf See folgen sechs Tage in einem Lagerraum, wo die Frucht bei streng regulierter Temperatur konstant mit dem Gas Ethen besprüht wird, damit sie den perfekten Reifegrad für den Kunden erreicht. Es folgt noch ein Ultraschall, der unschöne dunkle Flecken im Inneren erkennbar macht. Nur perfekte Früchte kommen zum Verbraucher. Steht das noch im Verhältnis zur vermeintlichen Wunderkraft der Superfrucht?

Die Verbraucherzentrale will die Superfood-Käufer von heimischen Produkten als Alternative überzeugen. Sie seien von der Wirkung her vergleichbar, würden kontrolliert angebaut und nicht um die halbe Welt verschickt. Ihre Empfehlung: “Leinsamen statt Chia.“

“Superfoods sind wie Ablassgebete“: Interview mit Food-Experte Wilfried Bommert

Wilfried Bommert ist Sprecher des Instituts für Welternährung e. V. in Berlin.

Quelle: privat

Superfood boomt. Allein der Absatz an Chia-Samen hat sich in vier Jahren fast um das 100 000Fache erhöht. Wie erklärt sich dieser Anstieg?

Lebensmitteltrends sind nichts Ungewöhnliches. Viele Menschen versprechen sich von Nahrungsmitteln wie Chia-Samen, Quinoa oder Avocados, dass sie gesund und schlank machen. Deshalb werden sie im Moment so stark nachgefragt.

Und? Machen sie gesund und schlank?

Meistens nicht. Wer grundsätzlich zu viele Kalorien, Salz und Fett zu sich nimmt, dem hilft auch kein Chia-Samen. Trotzdem verbinden die Kunden mit Superfoods Hoffnung. Das ist ein bisschen vergleichbar mit den Ablassgebeten in der Kirche. Die haben übrigens auch nicht funktioniert.

Heißt das, Superfoods haben eigentlich keine Auswirkungen?

Zumindest nicht für den deutschen Konsumenten. Für die Erzeuger können die Auswirkungen des Superfood-Booms jedoch durchaus spürbar sein – und das vor allem negativ. Dabei handelt es sich um Effekte, die wir hier gar nicht auf dem Schirm haben. Nehmen wir Quinoa: Viele Anden-Bewohner können sich ihre traditionelle Nahrung wegen der enormen Preissteigerung nicht mehr leisten. In extremen Fällen kann das sogar zu Hunger führen.

Immerhin kurbelt der Boom die Wirtschaft in armen Ländern an.

Für den Moment. Aber in den Anden ist es kaum möglich, die Anbauflächen zu erweitern. Da gibt es schlicht geografische Beschränkungen. Deshalb wandert die Produktion mittlerweile ab. Quinoa kann heute auch in Europa angebaut werden – zu Preisen, mit denen die Herkunftsländer in Südamerika kaum mithalten können. Das heißt: Die Anden-Länder erleben einen kurzen Boom – und am Ende haben sie nichts davon.

Entstehen jetzt neue Monokulturen?

Quinoa oder Avocados werden eher nicht in Monokulturen angebaut. Bei Mangos sieht das schon anders aus. Diese Frucht wird wie viele andere auch in Plantagen angepflanzt – mit teils desaströsen Auswirkungen. Bei Monokulturen bekommen die Bauern immer die gleichen Probleme – egal um welche Frucht es sich handelt. Die Pflanzen verlieren ihre Fähigkeit, sich gegen äußere Einflüsse zu wehren. Sie werden krankheitsanfälliger, wetterempfindlicher. Das ist in Zeiten des Klimawandels ein großes Problem. Wenn die durchschnittliche Temperatur steigt, können bestimmte Pflanzen in gewissen Regionen nicht mehr angebaut werden. Die Bauern an diesen Orten stehen in absehbarer Zeit vor dem Nichts.

Kann man Superfoods überhaupt noch guten Gewissens kaufen?

Wie für alle landwirtschaftlichen Produkte gilt: Wenn die Pflanzen von vornherein ökologisch angebaut und fair gehandelt wurden, dann spricht erst einmal nichts dagegen. Die offiziellen Siegel garantieren, dass nachhaltige Anbautechniken verwendet wurden und der Bauer am Ende des Tages von seiner Arbeit leben kann. Das ist eine gute Sache.

Wie groß ist der Anteil dieser unbedenklichen Produkte?

Heute sind ungefähr 8 Prozent des Gesamtmarkts Bioprodukte.

Das ist nicht gerade viel ...

Das ist keine riesige Menge, aber die Tendenz ist steil ansteigend. 70 Prozent der Konsumenten geben in Umfragen an, ökologisch produzierte Lebensmittel kaufen zu wollen. Allerdings lassen sich natürlich viele im Supermarkt von den günstigeren Preisen korrumpieren, die für nicht nachhaltige Produkte aufgerufen werden. Trotzdem machen mir die hohen Steigerungsraten beim Verkauf biologisch angebauter Lebensmittel Hoffnung. Wenn es so weitergeht, dann setzt sich das auch irgendwann auf den Feldern durch.

Kommt diese Umstellung womöglich zu spät?

Viel Zeit ist jedenfalls nicht mehr. Wir wissen, dass bereits heute 50 Prozent der Bodenfruchtbarkeit alleine durch unsere bisherige Form des Pflanzenanbaus verschwunden sind. 50 Prozent der weltweiten Grundwasserreserven sind verbraucht. 90 Prozent der Pflanzen, die wir früher auf unseren Äckern hatten, sind verschwunden. Und wir wissen, dass wir 25 Prozent aller Klimagase heute in der Landwirtschaft erzeugen. Das sind alles enorme Risiken. Superfoods sind da eher Dinge am Rand, aber man kann sie als Indikatoren dafür nehmen, dass im Lebensmittelsystem etwas grundsätzlich nicht richtig läuft.

Von Julian Heißler

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