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Die Wiederentdeckung der Langsamkeit Trödeln lernen

Der Flaneur erhebt das Gehen zur Mußekunst – und lebt vor, was wir Getriebenen längst vergessen haben: Nur wer sich Zeit nimmt, hat genug Zeit. Ein Plädoyer für lässiges Umherstreifen ohne Hast und ohne Ziel.

In einem Zeitalter der Effizienz geht das Gefühl für uns und unsere Umwelt schnell verloren. Warum sich also nicht einfach einmal ziellos treiben lassen?

Quelle: E+

Hannover. Manchmal entsteht etwas Helles aus etwas Dunklem.

Die Geschichte ging so: Es wird langsam Abend. Ein Mann sitzt in einem Café in London, blickt durch die Scheibe nach draußen. Er beobachtet Geschäftsleute mit gerunzelten Brauen, servile Angestellte, gewerbsmäßige Bettler und Taschendiebe, die er an ihrem entschlossenen Auftreten erkennt. Plötzlich entdeckt er einen Alten vor dem Fenster, einen Mann, dessen Blick er nicht deuten kann. Er entschließt sich, ihm zu folgen – und das tut er eine Nacht und einen Tag lang. Der Alte streunt ziellos durch die Stadt, kehrt in ein Lokal ein, kommt wieder raus, folgt seinerseits anderen Menschen, schaut, verweilt, geht weiter. Irgendwann gibt der Verfolger auf: “Ich werde weder ihn noch sein Tun tiefer durchschauen.“

Die Geschichte, von der hier die Rede ist, erschien 1840 im “Burton’s Gentleman’s Magazine“, einem literarischen Monatsheft aus Philadelphia. Sie heißt “Der Mann in der Menge“ und stammt von niemand Geringerem als Edgar Allan Poe. Der Text gehört beileibe nicht zu seinen besten Arbeiten, und er folgt auch in eher erwartbarem Maß der üblichen poeschen Düsternis. Dennoch ist etwas Neues aus dieser Erzählung entstanden: die Figur des Flaneurs.

Geld ohne Zeit ist nichts wert

Was eigentlich ein Widerspruch ist. Ein Flaneur ist weder so getrieben noch so dämonenhaft oder so verschlossen, wie Poe den alten Mann in seiner Geschichte beschreibt. Ein Flaneur ist eher entspannt. Er schlendert. Er kann zwar grüblerisch sein. Aber im Prinzip ist er der Welt zugewandt, auch wenn er manchmal gern so tut, als interessiere ihn das alles nicht. Ein Flaneur tut etwas, das wir in unseren heutigen durchgetakteten Zeit eigentlich dringend wieder lernen müssten: Er trödelt.

Zeit ist Geld, sagen wir. Das ist natürlich Quatsch, und jeder weiß es. Zeit ist nichts anderes als Zeit. Man kann sie weder besitzen noch beherrschen, nur haben. Und wer keine hat, kann sie sich nehmen, sie hat gar nichts dagegen. Geld ist indessen keinen Pfennig wert, wenn wir keine Zeit haben, es zu nutzen. Die wunderbarste Wohnung, vollgestellt mit Designermöbeln, staubt sich traurig von selbst ein, wenn der Besitzer zwei Drittel des Tages im Büro ist.

Flaneure können uns lehren, nicht auf die Uhr zu schauen und stattdessen wahrzunehmen, was um uns herum existiert: Menschen, Straßen, Häuser, Leben. Freud, Leid, Drama, Glück. Und wir mittendrin. Man sieht nichts, wenn man vorbeihastet. Man kann nicht mal sich selbst wahrnehmen. Im 19. Jahrhundert führten die Flaneure manchmal Schildkröten an der Leine aus, um sich zur Langsamkeit zu erziehen.

Vom Dandy zum Zeitchronisten

Das Wort “Flaneur“ geht auf das französische “flaner“ zurück, und das heißt so viel wie umherstreifen. Eine Vorform des Flanierens ist das Wandern. Aber wandern kann man in der Natur. Zum Flanieren bedarf es zwingend der Stadt. Im Wandern steckt Ursprünglichkeit, im Flanieren stecken modernes Leben und Intellektualität.

Anfangs waren die Flaneure Dandys, die mit erhobener Nasenspitze durch die Stadt schweiften und auf den Pöbel herabschauten. Danach entwickelte sich der Flaneur zum Beobachter sozialer Phänomene, er versuchte sogar, in der Masse unterzugehen, um unerkannt, also ungestört, Schauplätze und Menschen betrachten zu können. Und um sie später zu beschreiben.

Charles Baudelaire verwandelte den Flaneur vom Müßiggänger in einen Künstler, der die moderne Welt widerspiegelte. Gustave Flaubert erlebte die französische Februarrevolution 1848 als Flaneur – wobei er sich durchaus mitgerissen davon fühlte, nicht bloß als Beobachter. Mit Flaubert und seinen Notaten entstand der literarische Realismus.

Ausgerechnet Edgar Allan Poe, ein Meister der Düsternis, erfand den so lässigen Typus des Flaneurs.

Quelle: iStockphoto

Walter Benjamin schrieb 1931 in Marseille: “Auf dem Wege zum Vieux Port schon diese wundervolle Leichtigkeit und Bestimmtheit im Schritt, die den steinigen, unartikulierten Erdboden des großen Platzes, über den ich ging, mir zum Boden einer Landstraße machte, über die ich (…) bei Nacht dahinzog.“ Und er erklärte seinen Freund Franz Hessel zum Flaneur, der seinerseits seine Streifzüge in dem Buch “Spazieren in Berlin“ festhielt, wo er Hinterhöfe ebenso beschrieb wie Paläste.

Interessant ist, dass diese Chronisten der Moderne ihre eigene Tätigkeit oft für überholt hielten – schon 1929 hatte Benjamin, der Melancholiker, das “Schauspiel Flanerie“ für abgesetzt erklärt: Alle seien in Eile, niemand laufe mehr gemächlich und ohne Zweck und Absicht durch die Stadt. Aber er selbst erneuerte das Konzept: “Die Straße wird zur Wohnung für den Flaneur. (…) Zeitungskioske sind seine Bibliotheken.“

Auch Hessel beobachtete Rastlosigkeit in der Moderne der Zwanzigerjahre, sogar Gehetztsein: “Hier geht man nicht, sondern wohin.“ Heißt: Es gab immer ein Ziel, einen Zweck. Gut, dass Hessel die heutige Gegenwart und unseren “Coffee to go“ nicht mehr erlebt hat. Beim Laufen Kaffee trinken! Hessel, Benjamin, Baudelaire, Flaubert, Poe – sie alle würden entsetzt sein. Kaffee als eine Nebensache auf dem Weg woandershin. Das wäre für all diese Autoren eine Respektlosigkeit gegenüber dem Kaffee. Und gegenüber sich selbst.

Die Stadt als Lebewesen wahrnehmen

Apropos “diese Autoren“ – alles Männer. Es heißt auch immer “der Flaneur“, das Wort “Flaneurin“ existiert genau genommen nicht. Weibliche Flaneure nannte man “Passante“ (der französische Ausdruck für Spaziergängerin), vor allem Marcel Proust hat diese Damen in seinem legendären Werk “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ verewigt.

Aber natürlich gab es weibliche Flaneure, und es gibt sie auch heute. In Stuttgart, beispielsweise. Da haben die Literaturwissenschaftlerin Tina Saum und ihre Kollegin Daniela Raab das “Flanerie – Labor für Gedanken und Gänge“ gegründet. Sie möchten die Entdeckungsfreude ihrer Zeitgenossen wecken, Lust machen, die Stadt, in der man lebt, neu wahrzunehmen. Sie haben für Stuttgart beispielsweise einen Audiospaziergang und ein Kartenspiel entwickelt, das an verschiedene Orte führt.

Flanieren ist für sie eine Alternative zur konventionellen Wahrnehmung: Umherschweifen, sich von Zufällen und spontanen Impulsen lenken lassen, die Stadt wie ein Lebewesen wahrnehmen. Und man muss nicht, wie Baudelaire, hinterher etwas aufschreiben. Man kann einfach genießen, die Blicke und Gedanken treiben zu lassen.

Sehnsucht nach Langsamkeit

Die Kasseler Architekturdozentin Sylvia Stöbe hat vor Jahren kritisch notiert, wer heutzutage das Flanieren propagiere, betreibe eine Ästhetisierung: “Das Ungeordnete der Stadt wird nicht mehr als Mangel empfunden, sondern verklärt.“ Allerdings hat auch sie festgestellt, dass es bei Flaneuren wie Nichtflaneuren eine Sehnsucht nach Langsamkeit gibt. Denn: Die ständige Eile entspricht nicht der Natur des Menschen.

“Vogel fliegt, Fisch schwimmt, Mensch läuft“, hieß es mal in der Joggerszene. Irrtum: Mensch geht. Und Gehen bringt nicht nur den Körper in Schwung. Sondern, falls man es zulässt, auch den Kopf. Wenn die Gedanken kein Ziel haben, finden sie eins.

Von Bert Strebe

Hannover 52.3758916 9.7320104
Hannover
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