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Studentenreitclub in Leipzig: Ein Pferd ist kein Tennisschläger
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Edle Adlige oder sportliche Studenten? Studentenreitclub in Leipzig: Ein Pferd ist kein Tennisschläger

In Leipzig gibt es einen „Akademischen Reitclub“ - das klingt elitär. Sind das etwa hochnäsige Reiter, die im Abendrot dem Sonnenuntergang entgegenreiten und natürlich unglaublich viel Geld haben? Odet treffen sich schlicht sportliche Studenten?

Quelle: Theresa Hellwig

Leipzig. Ein dumpf dröhnender Bass und Schlagermusik – nicht unbedingt das, was man von einem Reitturnier erwartet. Doch genau das schallt einem im Oktober 2015 in der großen Halle des Reit- und Fahrvereins (RFV) Herodot in Abtnaundorf entgegen. Angefeuert vom Publikum bewegen sich in der Halle mehrere Reiter und Reiterinnen, einer springt gerade durch den Parcours. Als ein Pony wieder und wieder vor einem Sprung verweigert, wird lautstark diskutiert. Jeder hat einen Rat parat: „Treiben, vorwärts, los, du schaffst es!“ Es gibt Glühwein und Fanta-Korn, die Stimmung ist fröhlich-hitzig. Das hat nichts gemein mit den oft streng wirkenden Reitturnieren aus dem Fernsehen. Denn veranstaltet wird das Turnier von jungen Reitern, genauer: den Leipziger Studentenreitern.

Tage vor dem Turnier hingen überall Zettel aus: Pferde gesucht, für das große Turnier des Akademischen Reitclubs. Akademischer Reitclub, das klingt elitär. Sind das etwa hochnäsige Reiter, die im Abendrot dem Sonnenuntergang entgegenreiten und natürlich unglaublich viel Geld haben?

Nicht alle reiten

Etwa ein halbes Jahr später. Treffpunkt: die Gaststätte auf dem Abtnaundorfer Hof, im Leipziger Bezirk Nordost. Ungefähr fünf Hunde tummeln sich unter dem Holztisch, an dem die Reiterinnen und Reiter sitzen. Viele tragen Segelschuhe und Polohemden; das war es dann aber schon an elitär wirkenden Merkmalen. Es ist einer von den regelmäßigen Stammtischen des Vereins. „Nicht alle von uns reiten. Einige sind auch nur zum Feiern dabei“, erklärt Johanna Küper, eine der Reiterinnen. „Wir nennen sie Schlabus, also Schlachtenbummler. Die sind nur zum Anfeuern dabei, zum Spaß haben und Stimmung machen.“ Die Tiermedizin-Studentin trägt Perlohrringe, die Haare sind kurz geschnitten. Wenn sie lacht, dann laut und ansteckend. Spaß haben die Mitglieder auch an diesem Abend, es wird viel herumgealbert.

Rund 70 Mitglieder hat dieser Akademische Reitclub, etwa 20 davon sind aktiv und reiten regelmäßig. Selbst nennen sich die Aktiven einfach nur „Studentenreiter“. Doch nicht nur Studierende können dem Verein beitreten. Studentenreitgruppen gibt es an vielen Universitäten in Deutschland und alle sind sie vernetzt, laden einander regelmäßig zu Turnieren ein, feiern gemeinsam und tanzen dann Knotentanz, den für die Gruppe typischen Tanz, der dem Discofox ähnelt. Sie tanzen zu Schlagern, die Titel tragen wie „Liebe ist wie Malaria“ oder „Wo war ich in der Nacht von Freitag auf Montag?“ – „Studentenreitermusik“, wie Johanna erklärt.

Viele der Mitglieder studieren Veterinärmedizin, deshalb wird an diesem Abend auch über die anstehende Tiermedizin-Klausur und die Arbeit in der Tierklinik diskutiert. Aber auch andere Fachrichtungen sind vertreten: „Eigentlich haben wir alles dabei: Grundschullehramt, Jura, Wirtschaftswissenschaften“, erzählt Johanna.

Gegenseitiges unterrichten

Wieder eine Weile später, im Februar 2017, laufen die Vorbereitung für ein Studentenreitturnier im März in Regensburg. Johanna, Martha Hilscher und Paula Erler unterrichten einander. Sie reiten wieder in der großen Halle des RFV Herodot. Martha witzelt während des Reitens: „Früher meinte ich immer: Schlager sind doof, und jetzt will ich auf jeder Party Studentenreitermusik hören.“ Sie reitet an diesem Tag auf einem Braunen: kastanienfarbenes Fell, schwarze Mähne, schwarzer Schweif. „Guckt mal, wie süß“, sagt sie zwischendurch. Im Schritt reiten die Mädchen durch die Halle. „Wir reiten zu dritt, weil das auf all den Studententurnieren auch so abläuft“, erklärt Johanna. Immer zwölf Mannschaften lädt der ausrichtende Studentenreiter-Verein ein. Auf den Turnieren reiten die Teilnehmenden dann Dressur- und Springwettbewerbe nach dem K.O.-System. Jede Mannschaft besteht aus drei Reitern, sie reiten auf fremden Pferde, die der ausrichtende Verein stellt. Am Ende jeder Runde scheiden zwei aus, der beste kommt weiter. Immer wieder treten drei in immer steigenden Klassen gegeneinander an, schließlich bleiben nur noch die Gewinner übrig.

Johanna erklärt: „Das sind hier alles Schulpferde, die wir gerade reiten. Die meisten von uns haben kein eigenes Pferd.“ Sie reitet an diesem Tag auf einem Fuchs. Rund 1,80 Meter Stockmaß hat das Tier – ganz schön groß. „Wir reiten immer die, die gerade frei sind – oder die korrigiert werden müssen“, erzählt die Studentin. Während sie das sagt, drückt sie mit dem einen Bein gegen den Bauch des Tieres, gibt Paraden, stellt es schräg. Auch auf den Turnieren reiten die Teilnehmer immer unterschiedliche Pferde, nämlich die der Gastgeber oder des dortigen Vereins. Deshalb stellen sich die Studentenreiter bereits in ihren Unterrichtsstunden auf immer neue Pferde ein. Ein guter Reiter kommt schließlich mit unterschiedlichen Pferden klar und nicht nur mit seinem eigenen.

Brüche und blaue Flecken

Johanna trabt an, die anderen beiden tun es ihr nach. Jetzt ist nur noch das dumpfe Geräusch der Hufe auf dem weichen Hallenboden und das Schnauben der Tiere zu hören. Johannas Pferd scheut vor der Stalltür, sie setzt sich durch, reitet immer wieder daran vorbei, bis alles klappt wie geplant. Dann weist sie Martha an: „Stell sie ruhig mehr, Absatz tief, lass die Hand stehen, komm durch bei ihr.“ Sie dreht sich zu Paula: „Ruhiger, sonst macht er Taktfehler.“ Dann reitet sie selber weiter, bekommt auch Hinweise von ihren Mitreiterinnen.

Die Köpfe der Studentinnen werden rot, nach und nach ziehen sie ihre Jacken aus. Als sie entscheiden, dass die Pferde nun warm genug sind, reiten sie eine Dressur-Aufgabe. In der Abteilung, also alle hintereinander weg, reiten sie die verschiedenen Hufschlagfiguren. Marthas Pferd buckelt, Martha sitzt das aus, sie lacht.

Dann nehmen sie ein paar Sprünge. „Vorwärtsreiten, Martha, lass ihn nicht den Kopf zwischen die Beine nehmen“, warnt Johanna, doch zu spät: Marthas Pferd buckelt erneut, sie fällt vom Pferd. Eigentlich muss ein Reiter in solchen Fällen wieder aufsteigen, doch Martha hat sich verletzt: Ihr Handgelenk wird dick und blau. Sie bringt den Braunen in den Stall zurück. Die Mädchen helfen ihr, entscheiden sich dann aber weiterzureiten. „Ein Pferd ist eben kein Tennisschläger“, erklärt Johanna. Wie sich später herausstellt, ist Marthas Handgelenk gebrochen.

Dem Erfolg der Leipziger Studentenreiter tat das zum Glück keinen Abbruch: Die Gruppe schaffte es in Regensburg als Mannschaft auf den zweiten Platz. Und auch in der Einzelwertung konnten die Leipziger abräumen: Paula wurde vierte im Springen, Luisa – die für Martha eingesprungen war – wurde dritte in der Dressur und Johanna sogar zweite. Bei dröhnendem Bass, Schlagermusik und Knotentanz feierten die Studentenreiter schon vor dem letzten Turniertag samt großem Finale ihren Erfolg: „Mit als erste waren wir auf der Party anzutreffen und hielten bis in die frühen Morgenstunden durch“, bilanziert die Gruppe auf ihrer Facebook-Seite und findet: Die Stimmung war überragend.

Mehr Informationen unter: http://www.arc-leipzig.de/

Theresa Hellwig

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