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"Lostage"-Autorin Tina Pruschmann aus Leipzig im Interview
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Lesung im Lindenfels "Lostage"-Autorin Tina Pruschmann aus Leipzig im Interview

Was für ein Debüt: Die Leipzigerin Tina Pruschmann zeigt in "Lostage" Menschen von Nebenan - und wie magische, tragische oder glückliche Momente plötzlich den Alltag zum Schicksaltag verwandeln. Evelyn ter Vehn sprach mit ihr über Schreiben, Psychiatrie und den Literaturbetrieb.

Tina Pruschmann veröffentlicht ihr Debüt "Lostage" bei Residenz.

Quelle: Marco Warmuth

Leipzig. Was für ein Debüt: Die Leipzigerin Tina Pruschmann zeigt in "Lostage" Menschen von Nebenan - und wie magische, tragische oder glückliche Momente plötzlich den Alltag zum Schicksaltag verwandeln. Evelyn ter Vehn sprach mit ihr über Schreiben, Psychiatrie und den Literaturbetrieb.

Wie ist die Idee zu „Lostage“ entstanden?

„Lostage“ ist ein gewachsenes Buch. Zuerst war da die Episode „Das Fest“, in der wir die 88-jährige Elena auf ihrer Geburtstagsfeier erleben. Die Familie ist da, auch viele aus dem Dorf. Und nebenbei rekapituliert sie ihr Leben, sieht es verrinnen, wie Sandkörner in einer Sanduhr. Diese Geschichte ist zu einer Exposition geworden. Ich wollte wissen, wie die anderen Figuren dorthin gekommen sind. Daraus ist dann ein Geflecht von Geschichten entstanden.

Der Episodenroman ist Ihr Debüt. Jetzt halten Sie das Buch in der Hand – was ist das für ein Gefühl?

Das ist alles sehr aufregend und schön. Vor allem auch, weil die Zusammenarbeit mit dem Verlag so toll war, was das Lektorat, die Titelfindung und die Buchgestaltung betrifft. Aber die Vorstellung, dass wirklich jeder das jetzt lesen kann, ist auch komisch. Ich bin mir keineswegs so sicher in meinem Schreiben...

Sie sind auch freiberufliche Texterin. Wie finden Sie Zeit und Muße zum literarischen Schreiben?

Zeit gibt es immer irgendwo, und Muße kommt mit dem Schreiben. Bei „Lostage“ ist über die Zeit eine innere Notwendigkeit gewachsen. Am Anfang war das eher eine Spielerei, weil ich wissen wollte, was eine gute Geschichte ausmacht. Aber je weiter ich kam, desto mehr fühlte ich mich meinen Figuren verbunden. Das gilt besonders für Jan und Malte, wie sie etwas erleben, das sie existenziell erschüttert. Und auf einmal fiel es mir schwer aufzuhören.

Lesetermine

Freitag, 24.3., 21.30 Uhr - Café Lindenfels Westflügel
Lesung der unabhängigen Verlage
Im Rahmen der Leipziger Buchmesse lesen Jonathan Böhm , Jan Kuhlbrodt und  Tina Pruschmann aus ihren Romanen.
Eintritt 7 Euro

Sonntag, 26.3., 16 Uhr - Leipziger Buchmesse / Forum LiteraturHalle 4, Stand F100

Pflegen Sie ein Schreib-Ritual?

Einmal im Jahr fahre ich eine Woche lang weg, ganz allein. So kann ich mich in den Kosmos meiner Figuren fallenlassen. Wenn man so drin ist, ist ja schon Einkaufen gehen, Bezahlen an der Kasse eine kaum zu ertragende Ablenkung.

Sie haben vor Ihrem Soziologiestudium eine Ergotherapie-Ausbildung absolviert, in einer psychiatrischen Klinik gearbeitet und Jura-Vorlesungen besucht. Wie helfen diese Haken im Leben beim Schreiben?

Das Praktikum in der Psychiatrie hat mich vielleicht am meisten beeindruckt. Meine Mentorin war eine eigensinnige und herzliche ältere Dame, die gern Leonard Cohen hörte. Von ihr habe gelernt, genau hinzuschauen, hinzuhören und zurückhaltend zu sein im Urteil.

Wie schwer ist es, als Newcomer im Literaturbetrieb Fuß zu fassen?

Ich denke nicht, dass ich schon Fuß gefasst habe. Der erste Roman ist seit ein paar Wochen im Handel. Unser Gespräch ist im Grunde mein erster Auftritt als Autorin. Einen Verlag zu finden, war für mich tatsächlich einfach, aber ich weiß nicht, ob das typisch ist. Ich hatte drei Erstleser, Freunde, die mir Feedback gegeben haben. Dann habe ich im Internet nach einer Agentur gesucht, zu der mein Text passen könnte. Den Weg über die Agentur habe ich gewählt, weil ich im Verlagswesen niemand kannte. Ich habe dann zunächst das Exposé geschrieben (sehr schwer!). Als Partner + Propaganda mich tatsächlich vertreten wollte, meine favorisierte Agentur, war ich schon sehr glücklich. Ich habe dann das Manuskript mit dem Feedback der Agentin nochmals überarbeitet. Wir wollten es im Herbst anbieten – aber schon im Mai/Juni war das Angebot von Residenz da. Unglaublich…

  Gibt es schon Pläne für ein neues Projekt?

Ja, das gibt es tatsächlich. Meine Geschichten werden weiter im Osten spielen. Das Buch wird ein Familienroman, mit Schauplätzen im Erzgebirge, Dresden, der Ukraine und Indien. Diesmal ist das Projekt von Anfang an ernster und strukturierter. Ich glaube, ich muss mehr Zeit zum Schreiben einplanen.

Interview: Evelyn ter Vehn

Lostage von Tina Pruschmann, Residenz Verlag, 224 Seiten, Hardcover.

Quelle: Residenz
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