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Politisch, traumhaft, ungewöhnlich
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Leipziger Buchmesse Politisch, traumhaft, ungewöhnlich

Die Leipziger Buchmesse endet wieder mit Besucher-Rekord und einer auch sonst guten Bilanz

Annabel von Engelbrechten am Merlin Stand in der Halle 5 auf der Leipziger Buchmesse 2017.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Für einen Moment war die Leipziger Buchmesse nicht auf der Höhe der Zeit. Die Umstellung auf Sommerzeit hatte es zunächst nicht in die App und auf die Internetseite von „Leipzig liest“ geschafft. Doch das war noch vor Öffnung der Messehallen – da waren viele ohnehin noch gar nicht richtig wach. Denn zu den vier Tagen Buchmesse gehören die Nächte – Lesenächte, Partynächte und die Sonnenbrille danach.

Es gibt ja auch rund um die Uhr etwas zu feiern. Und sei es der Preis für den „Ungewöhnlichsten Buchtitel des Jahres“. Aus 1403 Vorschlägen hat eine „Fachjury“ zunächst Long- und Shortlist erstellt. Am Ende entschied die Lese-Community „Was liest Du?“, und Gewinner ist: „Hinfallen ist wie Anlehnen, nur später“ von Poetry Slammer Sebastian 23, was auch als ungewöhnlichster Name eine Chance hätte.

Ungewöhnliches ist Standard beim Frühjahrstreffen der Blogger, Verleger, Schulkinder, Autoren, Comic-Helden, Lehrer, Booktuber, Kulturpessimisten, E-Book-Leser, Buchhändler, Künstler, Drucker, Papierbuch-Leser, Start-up-Unternehmer, Selbstpublizierer, Kulturoptimisten und Sicherheitspersonal – um nur einige zu nennen. Sie finden ihre Bühnen, Nischen und einander, was nicht immer einfach, aber immer möglich ist, selbst bei einem Andrang von insgesamt 285 000 Besuchern, die diesmal gezählt wurden (im Vorjahr: 260 000). 77 000 davon waren beim Festival „Leipzig liest“ (Vorjahr: 65 000). Zur Manga-Comic-Con in Messehalle 1 kamen 105 000 Besucher (96 000).

Litauische Köstlichkeiten

Einer ist immer zur Stelle, wo es jemanden zu begrüßen, etwas zu eröffnen oder zu verleihen gilt, also überall: Buchmesse-Direktor Oliver Zille. Er resümiert: „Als Fach- und Publikumsmesse gab die Leipziger Buchmesse auch 2017 wieder wichtige Impulse zur Literaturvermittlung.“ Gleichzeitig war die Messe „so politisch wie nie zuvor“. Was sich kurz zeigte, als am Sonntagnachmittag rund 100 Menschen gegen den Stand des rechten „Compact“-Magazins demonstrierten, unter anderem mit dem Slogan „Es gibt kein Recht auf Nazi-Propaganda“.

Vor allem aber sind die politischen Themen der Messe festzumachen am Programm: an den deutsche Zustände ins Zentrum rückenden Veranstaltungen im Zeitgeschichtlichen Forum, an „Europa 21“ oder auch am Auftritt des Schwerpunktlandes Litauen. Aušrine Žilinskiene, Direktorin des Litauischen Kulturinstituts, erzählt von in litauische Farben gekleideten Cosplayern und Leipziger Restaurants, die „mit litauischen Köstlichkeiten auf ihren Speisekarten“ überraschten.

Und Messe-Geschäftsführer Martin Buhl-Wagner erklärt, dass trotz des rasanten Wandels in der Buch- und Medienbranche die 285 000 Besucher bewiesen hätten, „wie lebendig die Begeisterung der Leser für Bücher und Büchermacher ist“.

Den Aspekt des Büchermachens betont Verleger Gerhard Steidl, der in einer Umfrage der Messe „begeistert“ ist „von dem belesenen und neugierigen Publikum, das sich neben den Inhalten auch für Form und Gestalt von Büchern interessiert“. Gerade die Halle 3 sei ein Vergnügen gewesen: „Die Produktion der Verlage, die Stände der Hochschulen, an denen man die Buchproduktion der nächsten Generation betrachten konnte, bis hin zu dem qualitativ hochwertigen Angebot der Antiquariatsmesse – ein Fest für Leserinnen und Leser, wie man es kein zweites Mal auf der Welt findet.“

30 – 60 – 90

Man kann es drehen und wenden, wie man will – das Frühjahrs-Programm des Merlin Verlags: von einer Seite zeigt es „30 Jahre Little Tiger Verlag“, bekannt vor allem für Janosch-Bücher, von der anderen Seite „60 Jahre Merlin Verlag“, deutschsprachiges Zuhause von Boualem Sansal, Jean Genet oder Alfred Métraux. Und 90 Jahre Andreas J. Meyer sind es auch. Der Gründer hat die Geschäfte vor Jahren schon an Tochter Katharina Eleonore Meyer übergeben – er aber ist es, der in der Küche steht und eine Bouillabaisse kocht, wenn Eugen Ruge auf einen Sprung vorbeischaut. Im Merlin Theaterverlag ist Ruges Stückfassung „In Zeiten des abnehmenden Lichts erschienen“. Er hat vor Jahren den Leipziger Autor Thomas Fritz empfohlen. Dessen Romane „Blick und Beute“ und „Selbstporträt mit Schusswaffe“ sind schon 2010 und 2012 erschienen, doch auch auf dieser Buchmesse am Merlin-Stand in Halle 5 zu finden. „Schmöker-Ecke“ nennt es Pressesprecherin Annabel von Engelbrechten.

Die Traummaße 30–60–90 stehen für einen Familienbetrieb, der etwas abseits vom rotierenden Markt in Gifkendorf in einem Bauernhaus arbeitet, sich auf Bücher konzentriert, an denen die Herzen des Teams hängen: Literatur, „die bedeutsam ist, weil sie etwas zu sagen hat“, meint von Engelbrechten. Darum liegen am Messestand eben nicht nur neue Bücher im Regal, sondern solche „die noch gern gelesen werden“, die man pflegen möchte. Auf diese Weise kann ein Verlag, ein Buch zur Heimat werden und selbst Heimat finden. Weit weg vom Schneller, Bunt und Heiter – und darum auf der Höhe einer Zeit mit Zukunft und Vergangenheit.

Die nächste Leipziger Buchmesse findet vom 15. bis 18. März 2018 statt. Das ist dann eine Woche vor der Zeitumstellung. Nun dominieren wieder die Sorgen der Branche: Umsätze und Urheberrecht.

Update: Der Protest in Halle 5 richtete sich gegen das „Compact“-Magazin und nicht wie in einer früheren Fassung geschrieben gegen den Compact Verlag. Der Schwerpunkt des Compact Verlags liegt im Bereich Lernen und Weiterbildung, er veröffentlicht unter anderem Wörterbücher, Nachschlagewerke und Kinderbücher. Wir bedauern den Fehler und bitten, ihn zu entschuldigen.

Von Janina Fleischer

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