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LVZ-Autorenarena: Reisen in die Vergangenheit, die Fantasie und in die deutsche Gegenwart
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Buchmesse LVZ-Autorenarena: Reisen in die Vergangenheit, die Fantasie und in die deutsche Gegenwart

Ins Mittelalter, in die Wendezeit, in die Welt der Fantasie, aber auch mitten in die deutsche Gegenwarte entführten die Autoren in der LVZ-Autorenarena am Buchmesse-Samstag.

Thomas Brussig kam mit „Beste Absichten“.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Eröffnungsgast Chris Kraus ist ob der vollen Tribüne sichtlich gerührt: „Es beglückt mich, dass so viele Menschen hier sind.“ Positives Feedback ist der Regisseur derzeit gewöhnt. Sein aktueller Film „Die Blumen von gestern“ ist für mehrere Deutsche Filmpreise nominiert. Jetzt schickt Kraus seinen zweiten Roman hinterher und verarbeitet darin auch Erfahrungen seines eigenen Großvaters. „Das kalte Blut“ erzählt vom Leben zweier Brüder aus Riga, die erst in Nazideutschland, dann als Spione der jungen Bundesrepublik Karriere machen.

Auch Lokalmatadorin und Bestsellerautorin Sabine Ebert blickt in ihrem neuen Roman in die Geschichte. „Schwert und Krone – Meister der Täuschung“ ist der Auftakt für Eberts neue Mittelalterserie und basiert erneut auf belegbaren historischen Persönlichkeiten, die zum Teil schon in früheren Büchern der Geschichtsexpertin eine Rolle spielten. Mittelpunkt der Handlung ist, so die Autorin, „eine der größten Intrigen der Weltgeschichte – die Machtübernahme der Staufer war ein Schachmatt im Voraus mit 20 Zügen“, sagt Ebert mit spürbarer Bewunderung.

Mit kleiner Verspätung kommt Christian „Kuno“ Kunert, Keyboarder der einstigen DDR-Rockband Klaus Renft Kombo auf die Bühne. Moderatorin Kerstin Decker outet sich direkt als Fan: „Als die Liste mit Autoren der Arena in der Redaktion ankam, habe ich sofort ,hier’ gerufen. Kunerts Buch „Ringelbeats“ handelt von dem einstigen Clown Jacobus Kubisch und ist, darauf legt der Autor wert, ein Roman und keine Biografie: „Mein Leben hätte nicht genug Stoff für ein so amüsantes Buch geboten.“

Karl May trifft Fantasy

Jan Emendörfer führt die LVZ-Autorenarena in die Welt der Fantasyliteratur. Seine Gäste Bernhard Schmid (Karl-May-Verlag) und Schriftsteller Alexander Röder haben ein Experiment gewagt. Der Autor übernimmt in der „Der Sturz des Verschwörers – Karl Mays Magischer Orient“ für seine Serie erneut Charaktere aus Mays berühmten Orient-Zyklus und verstrickt sie mit Fantasy-Elementen. Emendörfers Befürchtung: „Echte Karl-May-Fans könnten das nicht so sexy finden“, wird von Verlagsmann Schmid widersprochen; „Die, die es gelesen haben, fanden es gut.“

Zurück in die Realität geht es mit „Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution – Wie eine Gruppe junger Leipziger die Rebellion in der DDR wagte“. Für sein Sachbuch hat Journalist Peter Wensierski mit über 40 Akteuren gesprochen, die den sozialistischen Staat herausgefordert haben. „Es geht nicht um Prominente. Geschichte wird immer von einfachen Menschen gemacht“, sagt Wensierski im Gespräch über die Auswahl seiner Protagonisten.

Verantwortung übernehmen, will auch Michael Steinbrecher. Der Journalist ist als langjähriger Sprecher des „ZDF-Sportudios“ bekannt geworden. Auf die Bühne kommt er als Herausgeber von „Meinung Macht Manipulation. Journalismus auf dem Prüfstand“. Das Buch ist mit angehenden Journalisten der TU Dortmund entstanden. Einer von ihnen ist Julian Beyer, der sich ebenfalls Olaf Barths Fragen stellt. Im Konflikt zwischen Konsumenten und Medien empfiehlt er: „Eine Möglichkeit, Vertrauen zurückzugewinnen, ist, mit kritischen Menschen in Kontakt zu treten.“ Sein Dozent ist in der Lügepresse-Diskussion selbstkritisch. „Wir müssen uns fragen, ob wir die Themen abdecken und transparent genug arbeiten. Trotzdem müssen wir uns unseres Werts bewusst bleiben.“

Versteckter Rassismus und unbewusste Privilegien

Mohamed Amjahid steht auf der Karriereleiter schon ein paar Stufen höher als Vorgänger Julian Beyer. Der Redakteur beim „ZEITmagazin“ wurde mit dem Alexander-Rhomberg-Preis für Nachwuchsjournalismus ausgezeichnet. Trotz seines Erfolgs sieht sich der gebürtige Frankfurter mit täglichen Problemen konfrontiert. In „Unter Weißen“ schreibt er aus persönlicher Sicht über versteckten Rassismus und unbewusste Privilegien, die er auch dem Publikum vor Augen führt. Auf seine Frage, wer sich vor einer Auslandsreise Gedanken über ein Visum macht, gehen nur wenige Hände in die Höhe. Amjahid Reaktion: „Das müssen Sie mal einem jungen Marokkaner, der nach Deutschland will, erklären.“

Apropos Privilegien: In „Was wissen wir schon“ fällt eine Filmemacherin Anfang 30 in eine Sinnkrise. Statt einer erhofften Pause findet sie bei ihrer Mutter mehrere von der Abschiebung bedrohte Flüchtlinge vor. Einer von ihnen ist Dschihadist. Die Protagonistin ist gefordert, ihn von seinem Weg abzubringen. Autorin Noemi Schneider stellt im Gespräch mit Jana Brechlin ihr neues Buch vor und sagt über Parallelen zu ihrem eigenen Leben: „Ich mag die Hauptfigur und ich nehme immer Dinge aus der Wirklichkeit auf.“

Auch Michael Tsokos, den Anita Kecke mit „Jetzt wird es kriminell“ in der LVZ-Autorenarena begrüßt, sieht in „Zerbrochen“ Ähnlichkeiten mit sich selbst: „Da steckt viel von mir drin, aber es gibt auch Unterschiede: Ich habe keine unehelichen Kinder in der Karibik, bin glücklich verheiratet. Zudem wäre mein eigenes Leben für so ein Buch nicht spannend genug.“ Dabei wäre es vermessen Tsokos’ Alltag als langweilig zu bezeichnen. Er ist Deutschlands bekanntester Rechtsmediziner, arbeitet an der Berliner Charité. Einige seiner Fälle dienten als Grundlage für „Zerbrochen“.

Der Name Petry steht synonym für die AfD. Lange hat der der Tautenhainer Pfarrer Sven Petry still mit der Politik seiner Ex-Frau Frauke gelebt und nun ein Buch geschrieben. „Klein, aber inhaltsschwer“ sei „Fürchtet Euch nicht – Warum nur Vertrauen unsere Gesellschaft retten kann“ laut Moderatorin Anita Kecke. Das Fundament bilden Petrys Erfahrungen als Pfarrer in Sachsen: „Ich habe gemerkt, dass Ängste nicht zum Besseren führen.“

„Geschichte meines Jahrhunderts“

„Trutz“ ist Christoph Heins neuer Roman, der nur ein Jahr nach seinem letzten Erfolg „Glückskind mit Vater“ auf den Markt kommt. Die Geschichte ist komplex, dreht sich unter anderem um einen deutschen Autor, einen russischen Wissenschaftler, ihren Roman über Memotechnik und tragische Schicksale. Als zentrales Thema hält Moderator Jan Emendörfer das Verdrängen und Vergessen fest. Hein sagt: „Ich wollte die Geschichte meines Jahrhunderts niederschreiben.“

Abschluss des dritten Tages in der LVZ-Autorenarena 2017: „Ich habe bei einigen seiner Bücher schallend gelacht“, sagt Moderator Armin Görtz zur Begrüßung von Thomas Brussig und kommt gleich zur Sache. „Was wollten Sie mit ,Beste Absichten’ erreichen“, will er wissen. „Dieses Buch ist die Biografie von Die Seuche, einer der größten Bands, quasi den Beatles der DDR – diese Geschichte wollt ick schon immer erzählen“, antwortet Brussig vielsagend in feinstem Ost-Berliner Dialekt. Was Fiktion, was Wahrheit ist, bleibt dem Leser überlassen. Über der Band, ihren Auftritten, Autoschiebereien und den Erfahrungen der Wende steht Brussigs Hommage an die Untergrund-Musik jener Zeit.

Von Anton Zirk

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